Unternehmen mit ehrgeizigen Netto-Null-Zielen investieren nur geringfügig mehr in umweltfreundliche Investitionen als Wettbewerber, die keinerlei Klimaziele verfolgen. Sofern keine starken wirtschaftlichen oder regulatorischen Impulse vorliegen, bestimmen Klimaversprechen selten, wie das Kapital tatsächlich eingesetzt wird.
Man könnte natürlich annehmen, dass Unternehmen, die sich ehrgeizige Klimaziele setzen, ihr Kapital entsprechend ihren Verpflichtungen einsetzen. Die Analyse von „ Clarity AI“ von 886 emissionsintensiven globalen Unternehmen, die ihre Investitionen in den Klimaschutz (CapEx) öffentlich ausweisen, zeigt jedoch eine auffällige Diskrepanz: Ein Klimaziel, das auf 2 °C oder weniger ausgerichtet ist, führt nicht zu wesentlich höheren Investitionen in den Klimaschutz.
In sechs wichtigen Sektoren mit hohen Emissionen wenden Unternehmen mit ehrgeizigen Klimazielen durchschnittlich 27 % ihrer Investitionsausgaben für grüne Projekte auf, was nur knapp über dem Durchschnitt von 25 % bei Unternehmen ohne festgelegte Ziele liegt. Bei der Betrachtung der Dynamik in den einzelnen Sektoren deuten die Daten darauf hin, dass nicht allein die Ambitionen der Unternehmen, sondern vielmehr die wirtschaftliche Tragfähigkeit und die technologische Reife den tatsächlichen Kapitaleinsatz bestimmen.
Wenn Klimaziele nicht in Investitionsausgaben umgesetzt werden
In einigen der Sektoren mit den höchsten Emissionen geht ein formelles Klimaziel von maximal 2 °C nicht mit einem höheren Einsatz von grünem Kapital einher.
Im Energiesektor beispielsweise investieren Unternehmen ohne erklärtes Klimaziel 14 % ihrer Investitionsausgaben in grüne Projekte, während es bei den Unternehmen mit Klimazielen 11 % sind. Das gleiche Muster zeigt sich im Rohstoffsektor (17 % gegenüber 15 %) und im Industriesektor (24 % gegenüber 23 %). Im Bereich der zyklischen Konsumgüter liegen beide Gruppen mit 13 % gleichauf.
Damit soll nicht gesagt werden, dass Klimaziele irrelevant sind. Vielmehr deuten diese Zahlen darauf hin, dass die Festlegung eines Ziels allein nicht ausreicht, um zusätzliche Kapitalinvestitionen anzukurbeln – insbesondere in Sektoren, in denen die wirtschaftlichen und technologischen Wege zur Dekarbonisierung nach wie vor größere Herausforderungen darstellen.
Gemeldete grüne Investitionsausgaben nach Ambitionsniveau
Anteil der „grünen“ Investitionsausgaben (in %)* in emissionsintensiven Branchen – Vergleich zwischen Unternehmen mit und ohne ehrgeizige Klimaziele
Stichprobe: 886 Unternehmen aus emissionsintensiven Branchen, die über umweltfreundliche Investitionsausgaben berichten, gruppiert nach der Ambition ihrer Emissionsziele.
*„Green CapEx“-Quote: Der Anteil der gesamten Investitionsausgaben, der zur Reduzierung wesentlicher Emissionen entlang der Wertschöpfungskette beiträgt. Quelle: Clarity AI, basierend auf den neuesten verfügbaren Angaben börsennotierter Unternehmen, einschließlich Angaben gemäß der EU-Taxonomie zu Klimaschutzmaßnahmen.
**Zielambition: Die in Grad Celsius ausgedrückte Ambition der von einem Unternehmen angegebenen mittelfristigen Emissionsminderungsziele (Scope 1+2). Quellen: Science Based Targets Initiative (SBTi) und CDP.
Die Wirtschaft bestimmt die Mittelverteilung, nicht der Ehrgeiz
Besonders interessant wird dieser Kontrast in den Bereichen Versorger und Immobilien.
Der Anteil der grünen Investitionsausgaben ist sowohl bei den Zielunternehmen als auch bei den Nicht-Zielunternehmen in diesen Sektoren deutlich höher: 55 % bis 63 % im Versorgungssektor und 28 % bis 35 % im Immobiliensektor. Diese Sektoren profitieren von relativ ausgereiften und wirtschaftlich tragfähigen Übergangstechnologien, darunter die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien, die Elektrifizierung des Stromnetzes und Investitionen in Energieeffizienz.
Zudem sind dies die einzigen beiden Sektoren in der Analyse, in denen eine ehrgeizige Zielsetzung mit einem erheblichen Anstieg der grünen Investitionsausgaben einhergeht: 8 Prozentpunkte im Versorgungssektor und 7 Prozentpunkte im Immobiliensektor.
Dies deutet auf eine wichtige Dynamik hin: Dort, wo die wirtschaftlichen Aspekte der Energiewende bereits überzeugend sind, spiegeln sich Klimaschutzverpflichtungen eher in der tatsächlichen Kapitalallokation wider. Dort, wo die wirtschaftlichen Argumente schwächer sind oder die Technologie noch nicht ausgereift ist, scheint ein Ziel allein weitaus weniger geeignet zu sein, das Investitionsbudget zu beeinflussen.
Welche strategischen Auswirkungen hat „ “ für Anleger?
Diese Erkenntnisse verdeutlichen ein potenzielles Risiko für institutionelle Anleger. Sich auf die Übereinstimmung mit der „Science Based Targets Initiative“ (SBTi) oder auf Netto-Null-Zusagen als primären Indikator für das Engagement im Bereich der Energiewende zu verlassen, kann ein irreführendes Bild davon vermitteln, wohin das Kapital tatsächlich fließt. Ein Ziel stellt eine Absicht dar; Investitionsausgaben liefern den Nachweis für die Umsetzung.
Ohne eine Überprüfung des tatsächlichen Kapitaleinsatzes laufen Investoren Gefahr, die Offenlegung klimabezogener Informationen als Ersatz für die Dekarbonisierung zu betrachten. Die Bewertung der umweltbezogenen Investitionsausgaben im Zusammenhang mit den Unternehmenszielen ist daher unerlässlich, um Unternehmen, die den Wandel aktiv finanzieren, von solchen zu unterscheiden, deren Klimaschutzverpflichtungen sich noch nicht in sinnvollen Investitionen niederschlagen.




